Leseprobe: Johannes' Nacht
Dienstag am Abend
1
“Los, beeil Dich“. Johannes treibt seinen Freund Vulkan zur Eile an. „Ich muss heim!“
„Ein Rennen gefällig?“, fragt Vulkan zurück. „Vielleicht gewinnst Du ja heute mal?“ Er klingt sehr siegesgewiss. „Wer als erster bei der nächsten Kreuzung ist!“
„Okay!“, antwortet Johannes.
Der Bürgersteig, auf dem sie fahren, ist links von Straßenbahnschienen und auf der rechten Seite von einem Gebüsch begrenzt, durch das große, dicke Rohre führen. Dahinter ist ein hoher, dicht bewachsener Wall zu erkennen. Bis zu der Kreuzung sind es bestimmt noch über einhundert Meter.
„Nimm den Mund nicht so voll. Bis jetzt hast Du immer nur Glück gehabt.“ Johannes schaut kurz zu seinem Freund, der neben ihm auf seinem Skateboard rollt.
Vulkan lacht, sagt kurz „Los!“, holt mit seinem rechten Bein weit aus, beschleunigt und gewinnt gleich einige Meter Vorsprung.
Johannes versucht mitzuhalten. Endlich mal gegen Vulkan ein Rennen zu gewinnen ist die eine Sache, die andere, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Er ist nämlich mal wieder zu spät dran, das Donnerwetter ist vorprogrammiert. Um halb acht, hatte seine Mutter festgelegt, soll er zu Hause sein. Das ist in den nächsten zwei Minuten gar nicht mehr zu schaffen, selbst wenn er jetzt alle Geschwindigkeitsrekorde auf seinem Skateboard brechen würde. In letzter Zeit ist er mehrmals zu spät heimgekommen, und nun droht ein längerer Hausarrest.
Seine kurzen blonden Haare stellen sich im Fahrtwind auf. Er holt weit und kräftig mit seinem rechten Bein aus.
Auf dem rauen Asphalt verursachen die sich immer schneller drehenden Räder ihrer Skateboards einen ziemlichen Lärm. Der Vorteil ist, dass jeder Fußgänger oder Radfahrer, der sich ihnen in den Weg stellen könnte, schon von weitem gewarnt ist.
Langsam kommt Johannes seinem Rivalen näher. Er mobilisiert alle seine Kräfte, um an ihm vorbeizuziehen. Da springt plötzlich auf halbem Weg zwischen den Beiden und der Kreuzung ein Mann aus dem Gebüsch, bleibt für einen Moment stehen, versucht den Lärm zu orten, sieht die beiden Jungs, spurtet in die andere Richtung los und rennt bis zu einer hinter der Kreuzung stehenden dunklen Limousine, reißt die Beifahrertür auf und hechtet mit einem Sprung hinein. Noch bevor die Tür geschlossen ist, fährt der Wagen mit quietschenden Reifen davon.
An der Stelle, an der der Mann aus dem Gebüsch gesprungen kam, bremst Vulkan unvermittelt mit einem Powerslide ab. Johannes, der fast auf gleicher Höhe mit ihm ist und sich ganz auf seinen ersten möglichen Sieg konzentriert hat, kann im letzten Moment ausweichen.
Er ist stinksauer: „Was soll das? Heute hätte ich gewonnen?“, fährt er entrüstet seinen Freund an.
„Okay, okay“, erwidert Vulkan, „diesmal geht die Runde an Dich. Aber hast Du nicht den Mann gesehen, der hier raus gesprungen ist? Ich will mal nachsehen, was der da gemacht hat.“ Schon hat Vulkan sein Skateboard unter einen Busch geschoben und sucht sich einen Weg durch die eng stehenden Sträucher.
„Hier muss er durchgegangen sein.“
„Nicht jetzt, Vulkan, ich muss nach Hause. Sonst kann ich die nächsten Tage vergessen“, ruft Johannes ihm nach.
„Es dauert nicht lange“, erwidert Vulkan, der schon nicht mehr zu sehen ist, aus dem Gebüsch. „Komm schon!“
Johannes bleibt einen Moment auf dem Bürgersteig stehen und wägt ab. Er denkt an den Ärger zu Hause, wenn es noch später wird. Aber es könnte ja ein Abenteuer dabei raus springen. Und da kann er nur schwer nein sagen.
Er schiebt sein Skateboard ebenfalls unter den Busch und folgt Vulkan. Der klettert schon den dicht bewachsenen Wall hinauf. Nach kurzer Zeit ist er oben angelangt und wartet, bis Johannes ihn erreicht hat. Auf dem Wall führen Eisenbahnschienen entlang, doch im Augenblick ist kein Zug zu hören oder zu sehen. Schnell laufen sie über die Gleise, müssen sich durch ein paar Meter Gestrüpp kämpfen, um nochmals Gleise zu überqueren, bevor sie dann den Wall auf der anderen Seite so weit hinunter gehen können, bis sie auf einer Mauer stehen, die gut eineinhalb Meter hoch ist.
Vor den Beiden liegt ein weitläufiges Gelände. Eine Reihe hoher und dicht bewachsener Kastanienbäume verdeckt den Großteil eines Gebäudes, das hinter den Bäumen steht.
„Das schauen wir uns an“, sagt Vulkan und bevor Johannes einen Einwand vorbringen kann, ist er in die Hocke gegangen und springt von der Mauer. Geschickt rollt er sich unten ab und richtet sich gleich wieder auf.
Johannes tut es ihm nach. Einen kurzen Moment bleiben sie nebeneinander stehen, dann gehen sie gleichzeitig zu einem der Kastanienbäume und stellen sich hinter den breiten Stamm. Jetzt können sie das Gebäude besser erkennen. Es ist sehr groß, mindestens drei Stockwerke hoch, und die meisten Fenster sind verhangen.
Sie schauen sich alles ganz genau an, aber sie können nicht die Spur eines Menschen entdecken.
Unverhofft stößt Vulkan Johannes in die Seite. „Was zischt denn da?“, fragt er.
„Ich höre nichts.“ Johannes horcht angestrengt.
„Ich höre es ganz deutlich. Sei mal ganz leise!“
Johannes lauscht weiter, schüttelt den Kopf. Plötzlich zupft er Vulkan am Ärmel und zeigt auf nach rechts auf das Gebäude.
„Da hinten brennt doch was, oder?“
„Wo?“, fragt Vulkan. Seine Augen suchen hektisch das Gelände ab.
„Na, da, die Decke neben dem kaputten Fenster da unten. Direkt neben den Flaschen.“
Endlich entdeckt auch Vulkan die Decke.
„Was sollen wir machen?“, fragt Johannes und schaut Vulkan fragend an.
„Mist!“, flucht der, springt hinter dem Baum hervor und läuft zu der Stelle, wo die glimmende Decke liegt.
Johannes bleibt im Schutz des Baumes stehen und beobachtet gebannt, was sein Freund da macht.
Der packt die Decke an einer Ecke und schleift sie von dem Gebäude und den Flaschen weg mitten auf den Platz. Dort tritt er mit seinen Schuhen auf den glimmenden Teil. Dabei wedelt er mit seinen Händen in der Luft.
„Hast Du Dich verbrannt?“, ruft Johannes ihm zu und verlässt jetzt erst die Deckung des Baumes.
„Ist okay, nur ein bisschen heiß!“, antwortet Vulkan, dreht sich dabei um und erschreckt. Eine Gruppe älterer Jungs läuft auf ihn zu. Sie rufen ihm etwas in einer Sprache zu, die er nicht versteht. Johannes konnte sie von seiner Position aus nicht sehen, da sie sehr nahe an den Bäumen entlanggelaufen sind und er völlig fixiert auf Vulkans Löscharbeiten war.
„Achtung, Johannes, Gefahrenstufe rot. Schnell weg!“, brüllt Vulkan seinem Freund zu, während er schon in Richtung Mauer rennt.
Johannes schaut sich kurz um, sieht die Gruppe und läuft nun ebenfalls los. Da er sich nicht so weit wie Vulkan von der Mauer entfernt hat, hat er sie schnell erreicht, springt hoch, sucht mit den Händen Halt an der Kante und zieht sich hastig nach oben. Dort angelangt, bleibt er auf dem Bauch liegen, dreht sich um und streckt eine Hand nach unten, um Vulkan beim Hochklettern zu helfen. Der merkt im Laufen, dass sein Vorsprung nicht groß genug ist, um auch diesen Fluchtweg wählen zu können. Die Verfolger bekämen ihn an den Beinen zu packen und würden ihn wieder herunter ziehen.
„Hol die Boards und renn zur Kreuzung. Ich komme schon irgendwie raus“, schreit er Johannes im Rennen zu, schlägt einen Haken und läuft an der Mauer entlang.
Die fremden Jungs sind dicht hinter ihm. Vulkan läuft so schnell er kann. Er ist nicht schlecht in Sport, sogar einer der Besten in der Klasse, aber seine Verfolger sind auch nicht ohne. Und sie sind einige Jahre älter als er. Mit ihren längeren Beinen sind sie klar im Vorteil. Sie rufen sich gegenseitig Sätze zu, die Vulkan nicht versteht.
Er spürt, dass die Panik in ihm aufsteigt. Wenn die mich kriegen, machen die mich fertig, schießt es ihm durch den Kopf. Gegen so viele habe ich keine Chance, da ist sich Vulkan sicher. Er muss einen kühlen Kopf bewahren, alle seine Kräfte mobilisieren.
Also rennt er weiter. Doch einer seiner Verfolger ist schon ganz nahe hinter ihm, greift nach ihm. Vulkan spürt, wie die Hand ihn streift, da schlägt er einen schnellen und unerwarteten Haken. Der andere will ihm nachtun, verliert dabei sein Gleichgewicht und stolpert. Vulkan hat einige wichtige Sekunden Vorsprung gewonnen. Da erblickt er nicht weit entfernt eine Tonne, die direkt an der Mauer steht. Er spurtet auf die Tonne zu und hechtet mit einem Panthersprung auf sie drauf. Nun ist es ein leichtes, auf die Mauer zu gelangen. Beim Hochklettern stößt er mit seinem rechten Fuß die Tonne nach hinten weg, die seinem nächsten Verfolger vor die Füße rollt und ihn zu Fall bringt. Vulkan rennt ohne sich umzuschauen über die Bahngleise und rast den Wall auf der anderen Seite herunter ohne Rücksicht auf die Äste, die gegen seinen Körper und sein Gesicht schlagen. Schnell hat er den Gehweg erreicht und erkennt nicht weit entfernt Johannes auf seinem Skateboard, der das von Vulkan unter seinem Arm hält. Vulkan läuft auf ihn zu, Johannes stellt das zweite Board auf den Bürgersteig. Aus dem Lauf heraus springt Vulkan drauf. Hastig skaten sie davon.
Als ihre Verfolger die Straße erreicht haben, sind die beiden schon in unerreichbarer Ferne. Dennoch rasen sie bis zum Gartenfeldplatz ohne Pause durch, meiden die großen Straßen und nutzen die großen Hinterhöfe der Häuser in der Neustadt.
Am Gartenfeldplatz verziehen sie sich schnell in eine der kleinen Hütten auf dem Spielplatz, denen sie schon seit einigen Jahren entwachsen sind, die aber durch Sträucher und die Spielgeräte gut vor Blicken von außen geschützt ist.
Sie legen die Skateboards neben sich auf den Boden und lehnen sich gegen die Wand der Hütte. Einige Sekunden lang atmen sie tief durch.
„Was war das denn?“, fragt Vulkan schließlich und schüttelt den Kopf. Seine dunkelbraunen Haare sind vom Schweiß ganz verklebt. „War ja wie in einem schlechten Film!“
Johannes wartet einige Sekunden mit einer Antwort, denkt nach. „Die haben bestimmt gedacht, wir hätten die Decke angefackelt.“ Er macht eine kurze Pause, bevor er weiter spricht. „Zum Glück sind wir entkommen. Die hätten uns fertig gemacht.“ Johannes atmet noch mal tief durch. „Die hätten uns nie geglaubt, dass wir das nicht waren.“
„Das war bestimmt der Typ, der über die Mauer gesprungen ist“, mutmaßt Vulkan.
„Aber warum? Ob der das Haus abfackeln wollte? War nicht gerade profimäßig!“
Sie schweigen ein paar Sekunden. Da fällt Johannes mit einem Mal ein, dass er ja schon viel zu spät dran ist: „Mist, ich muss heim. Da kann ich mir jetzt was anhören. Lass uns morgen weiterreden!“
Er schnappt sich sein Skateboard, schiebt es nach draußen und krabbelt selbst auf allen sagt Vieren aus der Hütte.
Vulkan folgt ihm. „Ich komme erst zur dritten Stunde, muss noch zum Arzt wegen einer Impfung“, ruft er ihm nach, „kannst Du das Frau Marten schon mal sagen?“
„Mach ich!“, sagt Johannes, läuft eilig über die Straße und ruft seinem Freund dabei einen Abschiedsgruß zu.
Gleich gegenüber von dem Spielplatz wohnt Johannes in einem der schönen alten Häuser mit den hohen Decken und den großen Fenstern. Er verschwindet hinter einem großen braunen Holztor.
Vulkan bleibt noch einige Momente stehen und schaut auf das Haus, in dem Johannes jetzt wahrscheinlich ein großes Donnerwetter über sich ergehen lassen muss. Er kennt diese Probleme nicht. Seine Eltern sind beide berufstätig und abends selten vor neun oder zehn Uhr zu Hause. Er hat früh gelernt, alleine zu recht zu kommen.
Dann packt er sein Skateboard und schlendert gemächlich die paar Straßenzüge weiter zu seiner Wohnung.
Leseprobe: Der stumme Junge
Dieser Jugendroman ist noch nicht veröffentlich. Der folgende Text ist das zweite Kapitel:
Neun Gramm
Es ist so verdammt viel passiert in den letzten Wochen und Monaten, dass ich gar nicht weiß, wie ich das alles erzählen soll? Ich habe es Flo versprochen ... nein, nicht versprochen, mehr so, dass es stärker wie ein Versprechen ist. Viel stärker. Aber es ist schwer. Zumindest die ersten Worte, der Anfang. Es ist so viel passiert, alles ist anders, als es vor ein paar Wochen, ein paar Monaten noch war. Mein Leben ist völlig umgekrempelt. Da ist es doch klar, dass es schwer ist zu entscheiden, wo ich mit der Geschichte anfangen soll? Mit meiner Geschichte! Der Anfang! Das ist die verdammt schwerste Frage.
Wo hat alles angefangen? In dem Büro von diesen Detektiven? Beim Abendessen mit meiner Mutter? Auf dem Präsidium oder bei Eva? Mit der Zugfahrt? Oder noch früher?
Alles hängt mit allem zusammen. Das ist auch meine blöde Angst bei der ganzen Geschichte. Was ist wichtig, was ist nicht wichtig? Wo ich gar nicht weiß, ob ich das heute wieder so machen würde, jetzt, wo klar ist, was dabei raus gekommen und was Schreckliches passiert ist?
Über den Anfang habe ich viel nachgedacht, aber ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, außer, dass ich einfach einen Punkt festlegen muss, sagen muss, da hat es angefangen, auch wenn es eigentlich so nicht stimmt.
Deshalb habe ich den Anfang meiner Geschichte auf den Tag festgelegt, an dem ich in dem kleinen schäbigen Büro mit den grauen, kahlen Wänden auf einem harten und klapprigen Stuhl saß, vor mir ein kleiner grauer Tisch, auf dem ein Beutel lag, darin das Zeug, das sie mir aus den Taschen geholt hatten. Neben mir lehnte der eine von den beiden Typen, genauso grau wie alles in diesem Raum, an der Wand, die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und starrte mich unentwegt von der Seite an. Der andere versperrte mit seinem breiten Kreuz die Tür. Ein Typ mit einem brutalen Gesicht. Dem war ich schon mal begegnet. Bei dem Gedanken kann ich mir jetzt ein Lächeln nicht verkneifen, obwohl die Situation damals gar nicht danach war und dann alles noch viel schlimmer wurde. Aber wenn ich daran denke, wie ich dem abgehauen bin …. Hat der bestimmt nicht verknusen können. Das war mir sofort klar, als ich gesehen habe, wie der mich angesehen hat. Kein Bullenblick. Der hat das persönlich genommen. Ich glaube, dass der nur darauf wartete, dass ich wieder versuchen würde abzuhauen. Dann hätte er einen Grund gehabt handgreiflich zu werden. Aber so doof war ich nicht gewesen. Wir warteten. Ich nahm an auf meine Mutter. Sie musste mich abholen, sonst würden sie mich nicht gehen lassen. Sie musste das Protokoll unterschreiben, so wurde das Ganze offiziell und würde dann den Weg zum Richter gehen. Wegen eines MP3-Players. Scheiße!
Meine Mutter würde einen Riesenaufstand machen. Wieder mal. Vorhaltungen ohne Ende, Vorwürfe, Selbstmitleid, dass sie sich den Arsch aufreißt, um uns beide durchzubringen, dass sie mir eine gute Ausbildung ermöglichen will, damit ich es mal besser haben soll, und ich baue ständig nur Mist. Immer die gleiche Leier. Aber davon, dass sie das ständig wiederholt, wird es auch nicht besser. Ich will alleine bestimmen, was für mich gut ist.
Wahrscheinlich war das damals alles zu viel für sie. Sie war da sechsunddreißig, ich fünfzehn. Sie war einundzwanzig, als ich geboren wurde. Das ist definitiv zu jung. Besonders, wenn man keine Kohle hat und keine Familie. Wir haben alles alleine gemacht. Ein paar Mal hatte sie einen festen Freund, fast alles Idioten, die sie nur ficken wollten, mehr nicht. Ich war denen sowieso völlig egal, ein paar von denen konnten sich noch nicht mal meinen Namen merken. Michael, Martin, Markus, riefen sie, immer mit nem M. Dann war auch bei meiner Mutter Schicht. Da kennt sie nichts. Malte sollten sie sich schon merken können. Ist kurz und selten genug. Den Namen hatte sie aus einem Buch, stand sogar im Titel, hat sie mir mal gesagt, aber welches, habe ich mir nicht behalten.
Jetzt saß ich in dieser Kammer und wartete. Wäre nicht diese dämliche Tür, hätte ich nur drei Meter Vorsprung, diese beiden Affen hätten keine Chancen mich zu bekommen. Wie schon mal, als die Sportskanone an der Tür vor der ersten Mauer kapitulieren musste. Mit einem Tic Tac Sprung war ich drüber weg und er musste sich mühevoll hochziehen. Arschloch.
Ich blickte zu ihm herüber. Da muss es passierte sein. Das war der Anfang. Der richtige. Bestimmt. Heute weiß ich das.
Der Typ sah in dem Moment zu dem anderen an der Wand herüber. Ich bin sicher, dass er ihm zugenickt hat. Ein kurzer Blick nur. Wie: jetzt machen wir es! Damals habe ich mir nichts dabei gedacht, heute weiß ich, dass das ein Zeichen war und dass damit alles anfing. Dann kam der Typ von der Wand an den Tisch, schüttete den Inhalt aus dem Beutel auf die graue Platte und wühlte kurz darin rum. Ich sah nicht hin, blickte auf die die Wand mir gegenüber.
„Einräumen!“, befahl der Typ und ging zurück zur Wand.
Scheiße, Mann, dachte ich, warum nicht ein bisschen freundlicher? Und guckte weiter ohne mich zu rühren.
„Räum die Sachen ein!“
Ich drehte meinen Kopf zu dem Typ rüber. Aber ganz langsam.
Er machte mit seinem Kopf eine Bewegung, die ausdrücken sollte, endlich anzufangen.
Ich ließ mir Zeit, bevor ich die Sachen in den Beutel räumte. Meine Schlüssel, einen Zehn-Euro-Schein, ein paar Münzen, meine Monatskarte, ein kleines Taschenmesser, eine Muschel, die mir meine Mutter von einem Kurzurlaub an die Ostsee mitgebracht hatte, und ein Kieselstein großes Etwas, das in Alufolie eingewickelt war, das mir nicht gehörte. Doch bevor ich den Inhalt auspacken konnte, war der Typ wieder bei mir und packte mich am Handgelenk.
„Einräumen!“
„Das gehört mir nicht“, sagte ich ihm. Ich versuchte ruhig zu bleiben, aber das war schwer bei diesem Typ mit seinen Schweinsaugen und dem uncoolsten Haarschnitt, den ich jemals gesehen habe.
Bevor er mein Handgelenk losließ, griff er noch mal fest zu.
Ich nahm die Alufolie und schob sie in den Beutel zurück.
Dann klopfte es an der Tür. Der Typ davor trat einen Schritt zurück und öffnete die Tür einen Spalt weit.
Ich drehte mich um, starrte auf die Wand, wollte nicht in das zornige Gesicht meiner Mutter schauen.
„Aufstehen und mitkommen!“, hörte ich hinter mir eine dunkle Stimme, die zu keinem der beiden Typen in dem Raum gehörte, bevor sich eine Hand auf meine Schulter legte. Die Stimme klang zwar streng, aber trotzdem nicht superunfreundlich.
Ich erhob mich und drehte mich langsam um. Nur nicht zu schnell reagieren. Immer ein wenig noch den eigenen Kopf behalten. Kleine Gesten. Oft haben sie eine große Wirkung, jetzt blieb es aber ruhig.
Hinter mir stand ein Bulle, etwas dicklich, mit einer goldenen Brille, die vielleicht vor vierzig Jahren modern gewesen war. Auf seiner Nase waren viele rote Äderchen, als wenn er gerne einen schluckte.
„Komm!“, forderte er mich noch einmal auf. „Und mach keine Anstalten abzuhauen. Ich krieg dich doch!“ Obwohl er überhaupt keinen sportlichen Eindruck machte, glaubte ich ihm. Es gibt so Typen, die haben das drauf, so eine Ausstrahlung. Denen glaubst du so was. Eben so einem dicklichen Bullen, dass der dich kriegt, obwohl du zehn Mal austrainierter bist.
Hätte ich trotzdem versuchen sollen abzuhauen? Wäre dann alles anders gekommen?
„Greiner“, sagte der Bulle, als ich vor ihm stand und ich brauchte zwei oder drei Sekunden, bevor ich verstand, dass er mir seinen Namen nannte.
„Malte Reinhardt“, sagte ich und er grinste mich an. So ein ‚Brav. Wenn Du machst, was ich sage, dann fahren wir am Besten’ – Grinsen.
Das Grinsen von dem Kaufhaus-Detektiv an der Tür, der Typ, dem ich damals abgehauen war, war anders. Anders auch als vorher. So ein fieses ‚Jetzt habe ich dich am Arsch’ – Siegergrinsen. Eine Stunde später wusste ich auch warum.
Bevor ich den Raum verließ, bekam ich noch mit, wie der Detektiv, der an der Wand gestanden hatte, dem dicklichen Bullen den Beutel mit meinen Sachen in die Hand drückte.
Draußen vor der Tür stand noch ein anderer Bulle. So ein jüngerer, machte auf cool, aber nicht blöd. Kurze Haare, harte Gesichtszüge, die Sonnenbrille auf den Kopf geschoben. Er sah mich nur kurz an und gab mir mit seinem Kopf ein Zeichen ihm ins Treppenhaus zu folgen. Hinter mir ging Greiner. Keiner sagte ein Wort, bis wir den Ausgang erreicht hatten und der coole Bulle mir die hintere Tür des Wagens öffnete. Ein ziemlich langweiliger Vectra.
Der junge Bulle setzte sich ans Steuer, Greiner nahm neben ihm Platz.
„Na, was haste dir denn dabei gedacht?“, fragte er, während der Wagen losfuhr.
Ich überlegte, ob ich antworten sollte. Was würde es bringen? Der Typ schien ja ganz in Ordnung zu sein, aber wahrscheinlich war es auch nur ein blöder Trick, um mich zum Reden zu bringen. Trotzdem – der Tatbestand war klar. Ich hatte einen MP3-Player geklaut. Auf frischer Tat ertappt. Wie ein Anfänger. Es hatte schon vier oder fünf Mal geklappt und immer gut Kohle gebracht. Ich gehe mit dem Gerät, das ich unter dem Ärmel versteckt bei mir trage, zur Kasse, und wenn ich dran komme, stolpere ich, lasse den Player aus dem Ärmel rutschen und werfe ihn außen an dem Scanner vorbei, mit ein paar anderen Sachen. Ich bin rüber und stecke alles ein, auch den MP3. Ich muss immer nur aufpassen, nicht wieder in den Bereich des Scanners zu gelangen.
Aber sie waren mir irgendwie auf die Schliche gekommen. Ich hätte auf mein inneres Gefühl hören sollen. Ich hatte an diesem Tag so eine blöde Ahnung. Aber ich brauchte die Kohle. Unbedingt. Meine Mutter war mal wieder total klamm, sagte, sie müsse jetzt zusätzlich für das neue Schuljahr sparen. Die Schulbücher kosten ein Schweinegeld. Die Schule geht ihr über alles. Dass ich in der Schule ein Ass bin, damit ich später studieren kann. Von wegen, später soll ich es besser haben. Auch wie ich schon gesagt habe: wenn man solche Sprüche ständig zu hören bekommt, sind sie so ein einem drin, dass man sie plötzlich selbst so sagt, als wären sie von einem selbst und man glaubt dran.
Ich schwieg und dachte schon, dieser Greiner hätte seine Frage vergessen, aber dann drehte er sich um.
„Hat’s dir die Sprache verschlagen?“
‚Warum kofferte der Idiot mich nicht an, so richtig fies?’ Er hatte so eine Art streng zu sein, ohne sich anzubiedern, wie das Erwachsene sonst tun, wenn sie auf locker machen wollen.
„Nein“, antwortete ich kurz und er stellte mir die Frage, die ich hören wollte, aber mit einem solch schiefen Lächeln, dass ich nicht einschätzen konnte, ob er genau wusste, worauf ich hinaus wollte.
„Wie ‚Nein’?“
„Nein, mir hat es nicht die Sprache verschlagen.“
Dieser dicke Bulle lächelte weiter.
„Gut. Dann kannst Du mir ja die Frage beantworten, was du dir dabei gedacht hast so ein Gerät zu klauen?“
Er machte eine Pause und als ich wieder nichts auf seine Frage antwortete, fügte er hinzu: „Oder denkt man nichts dabei?“
„’Man’ weiß ich nicht. Ich habe mir was dabei gedacht.“
„Und was?“ Für seine Fragen drehte sich der Bulle immer wieder kurz zu mir um.
„Wie ich es am Besten anstelle, dass mich keiner erwischt.“
„Dann hast Du dieses Mal schlecht gedacht.“
Er sagte das kurz, trocken und ohne sein Lächeln. 1:0 für ihn.
„Ich nehme an, Du wolltest das Gerät verkaufen und das Geld einstecken. Hast Du noch andere Quellen?“
Ich sah ihn fragend an, als er sich wieder zu mir umdrehte.
Das Lächeln war nicht mehr in sein Gesicht zurückgekehrt, stattdessen eine Strenge und Schärfe in seinem Blick und um seine Mundwinkel, die einen schon erschrecken konnten.
„Verdienst Du dir auch mit anderen …“, er machte eine künstliche Pause, „…Geschäften Geld?“
Ich schüttelte langsam meinen Kopf, aber sein Blick verriet mir, dass er mir nicht glaubte.
„Bist wohl ein großer Schweiger, was!“ Er sah wieder zu mir nach hinten. Ich blickte zur Seite raus. Wir fuhren gerade am KdW vorbei. Hier war Kohle satt. Aus dem Laden trat ein Typ auf die Straße, so um die sechzig, der erinnerte mich an den, mit dem ich meine Mutter mal gesehen hatte. Das war bei den Hackeschen Höfen, weil ich aus Kreuzberg, wo wir seit meiner Geburt schon immer in derselben Hinterhauswohnung gelebt hatten, eine meiner beliebten Stadterkundungen mit dem Fahrrad machte, an dem Tag nach Mitte. Und vor so einem Edelrestaurant habe ich sie dann gesehen, mit einem Typ, der mein Opa hätte sein können, wenn ich einen gehabt hätte. Dachte ich damals, aber da wusste ich ja noch nicht, was ich heute weiß. Obwohl, so einen hätte ich mir nie gewünscht, so geleckt, wie der angezogen war, mit Halstuch und goldener Brille, und einem blauen Jackett mit goldenen Knöpfen. Seine blondgrauen Haare hatte er nach hinten gekämmt. Schmierig sah der aus. Ich bin schnell weg und war nachher gar nicht mehr so sicher, ob das meine Mutter gewesen war. Sie war eigentlich Putzen um diese Zeit, von daher konnte sie es gar nicht gewesen sein.
Wer mein Vater ist? Keine Ahnung. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Er ist abgehauen. Schon vor meiner Geburt, hat meine Mutter gesagt. Warum? Keine Ahnung! Wieso hat er meine Mutter alleine gelassen, mit mir, einem kleinen Baby? Das waren die Fragen, die mich immer wieder beschäftigt hatten und auf die ich keine Antwort bekam. Nur die unbefriedigende meiner Mutter, dass mein Erzeuger abgehauen war, mich nie gesehen hatte, kein Interesse hatte, weder an mir noch an meiner Mutter, nur an seinen eigenen Vorteil dachte, ein egoistischer Arsch ohne Verantwortungsbewusstsein. Ein Verbrecher, entfuhr es ihr einmal, nachdem wir uns wieder gestritten hatten, über irgendwas banales, aber nach fast jedem solchen Streit kamen wir auf das Thema meines Erzeugers, und da hatte sich meine Mutter einen kurzen Moment lang nicht im Griff und sie sagte die zwei Worte, die sich mir eingebrannt haben: "Dieser Verbrecher!" Dann war sie gleich wieder gefasst, schüttelte den Kopf und meinte, dass das nur so ein Spruch war, dass es doch ein Verbrechen wäre, wenn ein Vater seine Familie alleine lasse.
Wir hatten oft Streit, meine Mutter und ich, wegen allem Möglichen, Ausgehzeiten, Klamotten, Sport, Freunde, Schule und, natürlich, immer wieder, Geld. Wir hatten nämlich keines. Meine Mutter hatte alle möglichen Aushilfsjobs, sie kellnerte, putzte, machte dies und das. Sozialhilfe und Hartz IV, das wollte sie nicht. Ich glaube, sie war einfach zu stolz dafür und fürchtete, dass sie jemand auf dem Amt sehen könnte. Manchmal hatte sie Freunde, die Kohle hatten, und uns einluden.
Ich fragte da nie nach, und ich wusste, dass sie nicht darüber reden wollte. Vielleicht war es ihr peinlich. Sie hatte keine richtige Ausbildung gemacht. Als ich geboren wurde, da war sie noch jung und da sie keine Unterstützung von meinem Erzeuger bekam, musste sie alles Mögliche machen, wo sie nur für kurze Zeit von zu Hause weg konnte. Zum Beispiel Putzen. Zwei Stunden, vielleicht mal drei Stunden, mich nahm sie dann oft mit. Wir hatten ja keine Verwandten in Berlin. Sie war irgendwo im Westen aufgewachsen. Irgendwo, sagte sie immer, ohne konkret zu werden, wie man an was denkt, an das man eigentlich nicht mehr denken will. Das hing bestimmt auch mit ihrer Familie zusammen, obwohl … ich weiß es nicht, ich kannte sie damals ja gar nicht. Es gab keine Verwandten. Weder in Berlin noch sonst wo. Alles, was bei den anderen normal ist, Vater, Oma und Opa, Geschwister, habe ich nicht gehabt. Dachte ich zumindest, als ich da in dem Bullenauto saß und raus zum KdW blickte. Und meine Mutter sah ich, seitdem ich sieben oder acht war und alleine zu Hause bleiben konnte, auch abends selten, weil sie dann auch Jobs hatte, in Kneipen, oder sie traf sich mit ihren Freunden. Und seit dem letzten Jahr blieb sie auch mal für ein oder zwei Tage ganz weg. Einmal wollte ich wissen, wo sie denn war, aber da hat sie mich so seltsam angeschaut, dass ich nicht mehr gewagt hatte, ein weiteres Mal zu fragen.
„Besser du redest.“
Der Bulle riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Diesmal klang er bedrohlich, dabei … was wollte er denn? Ich hatte einen MP3-Player geklaut. Ich bin zum ersten Mal erwischt worden. Was wird schon passieren? Ein paar Sozialstunden. Im Altenheim oder so. Die sind weniger ätzend als der Anschiss meiner Mutter.
„Das ist keine Bagatelle. Wenn Du jetzt redest, kann es noch glimpflich für dich ausgehen.“
Ich kapierte nicht, was der Bulle meinte. Ich hatte diesen verdammten MP3-Player geklaut und bin erwischt worden. Wert: maximal einhundertfünfzig Euro. Hätte ich für siebzig verticken können. Das habe ich schon vor diesen grauen Typen zugegeben. Was will er sonst noch von mir hören? Dass ich schon mehrere von den Teilen habe mitgehen lassen? Können Sie nicht beweisen. Nehme ich zumindest an, sonst hätten sie mich schon früher gekrallt. Vielleicht eine Einschüchterungstaktik. Mit pädagogischem Mehrwert. Wenn sie mich so richtig fertig machen, das ganze Programm, dann würde ich für immer meine Hände von der Klauerei lassen.
Aber ich merkte damals schon, dass das nicht der wahre Grund für die Sprüche war. Der Bulle spielte nicht, da war mehr, da spürte ich schon in dem Auto.
Trotzdem zog ich es vor zu schweigen. Das ist am Besten in solchen Situationen, wenn man nicht weiß, was der andere weiß. Greiner ließ mich dann auch auf dem Rest des Weges in das Präsidium in Ruhe, sprach mich nicht mehr an und drehte sich auch nicht mehr zu mir um.
Wir fuhren in eine Garage und stellten uns neben ein anderes Polizeiauto.
Greiner öffnete mir den Wagen und führte mich zu einer Stahltür, die sich öffnete, nachdem er auf einem kleinen Zahlenfeld rechts daneben eine ziemlich lange Kombination eingegeben hatte. Durch einen langen Gang kamen wir in einen Flur. Von dort wurde ich gleich in ein Zimmer gebracht.
„Setz dich!“, forderte mich der junge Bulle auf und zeigte auf einen der Stühle, die um einen rechteckigen Tisch standen.
Ich nahm Platz. Nachdem die Tür wieder geschlossen war, befand ich mich alleine in dem Raum. Der war genauso kahl wie der in dem Kaufhaus, aber er wirkte nicht so deprimierend. Vielleicht, weil er größer war. Und höher. Nicht so beklemmend.
Ich saß mindestens fünf Minuten auf dem Stuhl. Kein Geräusch von außen drang in den Raum. Dann endlich ging die Tür auf. Bevor ich meinen Kopf dahin gewendet hatte, drang schon die Stimme meiner Mutter an mein Ohr.
Die alte Leier. Variationen nur im Satzbau, vielleicht in der Wahl einzelner Wörter.
„Malte! Was soll das denn? Jetzt sogar die Polizei!“
Greiner trat hinter ihr in den Raum, ihm folgte erst ein Typ mit einem grauen Anzug, schmal, fast hager, eine lange Nase, auf der eine randlose Brille saß. Er blieb neben der Tür stehen und beobachtete die Szene. Ihm folgte ein zweiter Mann, kräftig. Er trug eine Jeans und ein Poloshirt, das sich über seinen Bauch wölbte.
„Was hast Du dir dabei gedacht?“ Meine Mutter atmete heftig. „Während ich arbeitete, damit du dein Abitur machen kannst, um später mal zu studieren, machst Du so Sachen. Denk doch an deine Zukunft!“
„Wenn Sie bitte Platz nehmen würden, Frau Reinhardt!“ Greiner sagte das sehr freundlich, beruhigend. Meine Mutter reagierte tatsächlich darauf, setzte sich neben mich und sah mich von der Seite mit so einem ‚Wie kannst Du mir das nur antun’ - Blick an. Greiner nahm ihr gegenüber Platz. Erst dann kam der Mann in dem Poloshirt an den Tisch und ließ sich neben Greiner nieder. Der Hagere blieb neben der Tür stehen, verzog keine Miene.
„Hallo“, sagte das Poloshirt und sah mich an. Streng und forschend. „Mein Name ist Stefan Roenegger. Ich bin Kriminalkommissar. Herrn Greiner hast Du ja schon kennen gelernt. Der Mann an der Tür ist Holger Steiner. Er ist Jugendpsychologe und muss bei solchen Ver…“, er korrigierte sich, “… bei solchen Befragungen anwesend sein.“
Ich blickte kurz zu dem Hageren herüber. Die beiden schienen sich nicht zu verstehen.
Dann sah der Kommissar meine Mutter an und nickte ihr zu. Sie hatten schon draußen miteinander gesprochen. Es gibt kleine Gesten, die so etwas verraten.
„Malte! Du weißt, warum Du hier bist?“
Meine Mutter wollte etwas sagen, aber dieser Roenegger hielt sie mit einer Handbewegung davon ab.
Ich ließ mir Zeit. Sah erst kurz zu meiner Mutter, die einen ganz seltsamen Blick drauf hatte, dann zu Greiner, der ein Pokerface aufgesetzt hatte und dann zu diesem Kriminalkommissar, der mir leicht zunickte.
„Ich habe einen MP3-Player geklaut.“
Roenegger nickte nochmals. „Ja. Aber deswegen wärst Du nicht hierher gebracht worden. Das hätte Herr Greiner in dem Kaufhaus erledigt. Keine Idee?“
Ich musste ihn ziemlich blöde angeschaut haben, denn er gab sein Spiel auf und sagte direkt: „Malte, bei dir sind neun Gramm Haschisch gefunden worden. Abgesehen davon, dass auch der Genuss verboten ist, handelt sich dabei um eine Menge, die über den reinen Eigenbedarf hinausgeht.“
„Malte!“, fuhr meine Mutter dazwischen, doch Roenegger stoppte sie mit einem strengem „Bitte, Frau Reinhardt!“
„Malte, was hast Du mit dem Haschisch vor und wo hast Du es her?“
Ich konnte erst einmal gar nichts sagen. Weil ich mit Drogen nichts am Hut habe. Ich steh da nicht drauf, habe nie drauf gestanden. Dann, mit einem Mal, wusste ich Bescheid. Die Typen im Kaufhaus hatten mir das Zeug untergejubelt. Als sie sich anblickten. Das war die Rache von diesem Arsch. Der wollte mich richtig voll linken. Deshalb dieses ‚Jetzt habe dich am Arsch‘ - Siegergrinsen vorhin, jetzt war mir das völlig klar.
Ich wartete einen Moment, bevor ich antwortete. Obwohl alle in dem Raum mich erwartungsvoll anschauten. Ich überlegte, was die beste Verteidigung wäre.
„Malte, bitte, ich habe dir eine Frage gestellt?“
„Das gehört mir nicht.“
„Es war aber bei deinen Sachen.“
„Wer sagt das?“ Ich versuchte ganz ruhig zu bleiben.
„Das wurde im Kaufhaus bei deinen Sachen gefunden.“
„Das ist nicht von mir.“
„Es war aber bei deinen Sachen.“
„Dann hat es jemand dazu getan.“
„Wer?“
Ich zuckte mit den Schultern. Es musste ihnen doch klar sein, dass das die beiden Typen im Kaufhaus gewesen sein mussten.
„Wer? Malte!“
Roenegger sah mich streng an und meine Mutter musste sich sehr beherrschen, nicht dazwischen zu reden.
„Das Zeug gehört mir nicht. Ich habe nichts mit Drogen am Hut.“
„In deinem Alter? Du bist kein unbeschriebenes Blatt, Malte. Der MP3-Player war bestimmt nicht das erste Mal, dass Du was gestohlen hast?! Und in der Schule läuft es auch nicht so rund, wenn ich deine Mutter richtig verstanden habe. Und dann die Sache mit deinem Mitschüler, dem Du das Nasenbein gebrochen hast. Das liest sich nicht wie die Vita eines Jugendlichen, dem ich sofort glauben würde, wenn er mir sagt, dass er mit Drogen nichts am Hut hat.“
Da hatte er sicher Recht. Wenn er die Fakten einfach nur so nimmt, ohne sie zu hinterfragen. Ja, ich habe diesem Arsch von Florian Kramer eins auf die Nuss gegeben. Hat sich echt Scheiße verhalten. Und als ich ihm das gesagt habe, ist er gleich auf mich los. Und hat nicht den Mumm gehabt, dazu zu stehen. Danach. Hat gesagt, dass ich angefangen habe. Und das wurde auch sofort geglaubt. Ich musste zum Direktor, meine Mutter kam auch und ich wurde verwarnt. Wenn das noch einmal passieren würde, dann bekäme ich richtig Ärger. Ich muss nicht sagen, was nachher zu Hause los war. Irgendwie hat mir die Geschichte einen Knacks verpasst. Weil die Alten von dem Kramer Kohle haben und er jeden Morgen mit nem Jaguar zur Schule gebracht wird, ist es richtig, was er sagt. Nicht mal im Ansatz hat der Direktor versucht der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Und jetzt scheint das wieder so ein Fall zu sein. Wahrheit gibt es nicht. Wahrheit wird gemacht von denen, die die Mittel oder die Macht dazu haben. Eine Lektion fürs Leben.
„Die Drogen gehören mir nicht!“, beharrte ich noch einmal auf meinem Standpunkt, obwohl ich wusste, dass es sinnlos war.
Roenegger sah mich streng an. „Malte, wir werden jetzt deine Fingerabdrücke nehmen und sie mit denen auf der Alufolie vergleichen.“
Ich überlegt noch einmal, ob es Sinn machte, die beiden Kaufhausdetektive zu beschuldigen. Es machte keinen, war ich mir nach wenigen Momenten sicher und hielt den Mund.
Ich wurde in einen anderen Raum geführt, wo man meine Fingerabdrücke nahm und dann in das Zimmer zu meiner Mutter zurückgeführt. Sie saß mittlerweile alleine am Tisch, nur der coole Bulle stand noch da, passte an der Tür auf.
Meine Mutter, sie heißt übrigens Nadja, stand gleich auf und funkelte mich mit ihren blauen Augen an.
„Was denkst Du dir eigentlich, mit Drogen zu handeln? Du bist fünfzehn Jahre alt, Malte. Du zerstörst dein Leben. Ich schufte mich kaputt und du handelst mit Drogen. Ich kann das nicht glauben.“ So ging das weiter, nur nicht, wie sonst, laut, sondern mehr gezischt, weil dieser Bulle an der Tür stand.
Ich wusste nichts zu sagen und wollte auch nichts sagen, obwohl mir klar war, dass ich Nadja damit noch mehr reizte. Aber ich rede sowieso nicht gerne und in einer solchen Situation mache ich doch alles nur noch schlimmer, weil ich nur das Falsche sagen kann. Da ist es besser den Mund zu halten und zu versuchen, die Zeit zum Nachdenken zu nutzen.
Eine Viertelstunde später wurde ich erlöst. Der Kommissar kam wieder in den Raum und forderte uns auf zu setzen.
„Also, Malte“, eröffnete er das Gespräch mit ernstem Gespräch, „auf der Alufolie sind eindeutig deine Fingerabdrücke. Willst Du jetzt zugeben, dass das Haschisch dir gehört.“
Ich schwieg, und das brachte Nadja mehr auf die Palme als Roenegger.
„Malte, jetzt gib es doch wenigstens zu“, fauchte sie mich von der Seite an. „Vom Schweigen wird es auch nicht besser.“
Der Kommissar wiederholte seine Frage, insgesamt drei Mal, dann gab er auf.
„Wie geht es jetzt weiter?“, fragte meine Mutter den Kommissar und sie konnte in ihrer Stimme ihre Verzweiflung nicht verbergen.
„Sie nehmen ihren Sohn jetzt mit nach Hause. Die Staatsanwaltschaft wird ein Verfahren eröffnen …“
Hier unterbrach ihn meine Mutter. „Kann man das nicht verhindern? Er ist doch noch jung. Seine ganze Zukunft steht auf dem Spiel.“
„Ich glaube kaum, Frau Reinhardt. Und solange er nichts sagt, sehe ich da keine Möglichkeit.“
„Malte, hörst Du?! Jetzt sag dem Kommissar endlich, was Du weißt!“
Sie gab einfach nicht auf. Roenegger war da realistischer. Er wusste, dass ich nichts sagen würde.
„Das dauert jetzt einige Zeit. Eventuell werden sie nochmals zu Gesprächen vorgeladen und irgendwann wird es zum Prozess kommen.“
Nadja sackte sichtbar zusammen. Nun bekam der Kommissar doch Mitleid mit ihr. „Vielleicht überlegt es sich ihr Sohn ja noch, wenn der erste Schrecken überwunden ist. Und wenn er Glück hat, bekommt er einen milden Richter.“
„Er muss doch nicht ins Gefängnis …?“
„Keine Sorge!“, beruhigte sie Roenegger weiter.
Einige Minuten später standen meine Mutter und ich auf der Straße. Ich nutzte ihre erste Unaufmerksamkeit und verschwand. Ich hatte noch eine Zeitlang ihre Schreie im Ohr, mit denen sie mich zurückrufen wollte, aber keine Chance. Auf den Orkan, der spätestens zu Hause auf mich niederprasseln würde, hatte ich jetzt überhaupt keine Lust.
Ich rannte Richtung Yorkstraße. Erst einmal weg. Das ist das Geile an Berlin. Man kann gut untertauchen, verschwinden. Ich wollte in keiner anderen Stadt leben. Ich war mit meiner Mutter mal in Münster gewesen, eine Bekannte besuchen. Das war die Hölle. Alles so klein, die Leute so uncool, alle mit Fahrrädern und scheißefreundlich.
Ich würde erst heute Abend nach Hause kommen, dann war sie wieder weg, irgendwo jobben und morgen, wenn ich aufstehen würde, um zur Schule zu gehen, schlief sie sicher noch, wenn sie überhaupt nach Hause käme. Und bis wir uns wieder begegneten, hatte sich die Situation längst beruhigt.
Die nächsten Wochen passierte nicht viel. Ich musste noch einmal auf Revier, wo mich Roenegger da gleiche fragte wie beim ersten Mal und er die gleiche Antwort bekam. Nämlich keine. Er teilte meiner Mutter, als wir gingen, mit, dass es noch einige Zeit bis zum Prozess dauern würde und da in den nächsten Tagen die Sommerferien begannen, wäre der früheste Termin für die Verhandlung im September.
Ich spulte mein Pensum in der Schule ab und hängte mit ein paar Bekannten ab. Das Schuljahr packte ich ganz passabel, immer im Verhältnis von Aufwand und Ertrag betrachtet.
Ich zog in der Zeit ansonsten viel in Berlin rum, traf mich mit anderen Jungs, die wie ich Parkour trainierten. Wir wollten uns beim großen Herbsttreffen in Berlin als Gruppe zeigen. Eigentlich sind wir keine richtige Gruppe, aber wir trainieren oft zusammen, geben uns Ratschläge, tauschen uns aus und suchen neue Spots.
Ich mache Parkour jetzt seit fast drei Jahren. Ich habe es mal in einem U-Bahnhof gesehen, hier in Berlin, David Belle war da, der Begründer von Parkour und ich war so angefixt, dass ich sofort damit angefangen und mein Leichtathletik-Training an den Nagel gehängt habe. Seitdem übe ich fast jeden Tag und habe mittlerweile ziemlich viel drauf.
Die Streitereien mit meiner Mutter wurden in dieser Zeit nicht weniger, eher im Gegenteil. Fast jedes Mal, wenn wir uns sahen, und das passierte zum Glück nicht zu oft, krachte es. Meist waren Kleinigkeiten der Anlass, das Gespräch kam aufs Geld, das heißt aufs fehlende Geld und am Schluss landeten wir immer bei den neun Gramm Haschisch. Nadja wollte mir einfach nicht glauben, dass die Typen im Kaufhaus es mir heimlich zugesteckt hatten. Ich hatte es ihr doch irgendwann gesteckt. Sie hielt mir daraufhin vor, dass ich ein mieser Typ sei, der noch nicht einmal die Verantwortung für seine Verfehlungen übernehmen könne.
