Im Dezember 2012 veranstalteten die Bewohner der Engelstraße in Mainz-Gonsenheim einen lebenden Kalender - an jedem der 24 Tage wurde ein anderes Hoftor oder Fenster geöffnet, Speisen und Getränke gereicht und ein kleiner Event gestaltet. Unser Beitrag war diese Weihnachtsgeschichte:

 

 

 

Es begab sich zum Ende des Jahres, in dem ganze Länder in den Bankrott gingen, ein großes Schiff vor einer italienischen Insel auf einen Felsen lief, eine große Dürre den nordamerikanischen Kontinent heimsuchte, ein Präsident zurücktreten musste, der Thomanerchor 800 und die Biene Maja 100 Jahre alt wurden, in dem der Erdlurch Kröte des Jahres wurde, der FC Bayern dreimal Zweiter und Schweden den European Song Contest gewann, als der Liebe Gott den Nikolaus zu sich rief und ihn fragte, warum er denn noch nicht unterwegs zur Erde sei, um den Kindern und den Menschen ihre Geschenke zu bringen. Der Liebe Gott klang besorgt, denn der Winter hatte schon seine ersten Boten zur Erde gesandt.

Der Nikolaus aber blieb stumm und blickte den Lieben Gott mit sorgenvollen Augen an. Das war der nicht gewohnt und er fürchtete, dass es um den Nikolaus nicht gut bestellt sei, so dass er nachfragte, was den guten Mann denn so sehr bedrücke.

Der Nikolaus blickte den Lieben Gott mit seinen großen Augen an, grummelte etwas Unverständliches und kraulte dabei mit den Fingern der rechten Hand seinen dichten, langen weißen Bart.

Nun denn!, forderte der Liebe Gott, sprich doch!, Nikolaus.

Die Welt, begann der Nikolaus, die Welt ist aus den Fugen.

Dann machte er eine Pause, während der dem Lieben Gott bange wurde, denn so kannte er seinen Nikolaus nicht, der ihm immer als ein fröhlicher und optimistischer Kerl entgegen getreten war.

Und mit seiner tiefen Stimme und auf seine bedächtige Art berichtete et dem Lieben Gott von den Menschen, die in so vielen Ländern auf der Erde Krieg gegeneinander führten und sich Tod, Elend und Vernichtung beibrachten, er sprach von dem Hass, der die Menschen in so vielen Gegenden aufeinander losgehen ließ, er führte die vielen Beispiele dafür an, wo überall sich die Menschen die Rolle Gottes als Richter anmaßten, um andere Menschen im Namen des Gesetzes hinzurichten, und dann sprach er von den vielen Armen und den wenigen Reichen, von den verschmutzten und beständig steigenden Meeren, sprach weiter davon, dass die Menschen allen Respekt vor der Schöpfung verloren hätten. Aber, so schloss er, das Schlimme ist, dass den Menschen dies alles gleich scheint, nur wenige von ihnen bekümmerten diese Probleme aus tiefstem Herzen.

Das Gesicht das Lieben Gottes verfinsterte sich. Dies aus dem Munde des Nikolauses zu hören, der doch sonst stets das Gute im Menschen suchte, ließ ihn bedenklich stimmen. Wenn ich dir so zuhöre, Nikolaus, scheint mir vieles von dem, was du da erzählst, in den armen Weltgegenden zu geschehen. Aber es gibt doch auch andere Länder, die als Vorbild dienen können. Du warst doch bestimmt in Deutschland, diesem reichen Land, wo es der Mehrzahl der Menschen gut geht, wo kein Kranker Schmerzen leiden und kein Kind hungern muss, wo sich kein Richter anmaßt Gott zu sein, wo ein jeder glauben und lieben kann, wen er will, wo Gerechtigkeit und Solidarität herrschen.

Der Liebe Gott glaubte, mit seinen Worten dem Nikolaus neuen Mut eingeflößt zu haben, aber zu seiner Überraschung verfinsterte sich dessen Miene weiter.

Deutschland, ja, sagte er schließlich, nachdem er lange mit den Fingern seiner beiden Hände tief in seinem Bart gekrault hatte, räusperte sich mehrere Male und sagte schließlich, mit gesenkter Stimme, denn er widersprach dem Lieben Gott nicht gerne, dass die Menschen in Deutschland ganz seltsame Wesen seien, beherrscht von Neid und Missgunst und der Angst, jemand wolle ihnen etwas von ihrem Reichtum nehmen.

Hm, grummelte der Liebe Gott, fürwahr, das sind gewichtige Gründe, Nikolaus, aber Du weißt, dass ich immer an das Gute im Menschen glaube und die Hoffnung niemals aufgebe. Und die Menschen in Deutschland – sie helfen einander doch?

Mitnichten, erhob der Nikolaus seine Stimme, lauter, als er das wollte, mitnichten, und seine Worte fuhren als Donner auf die Erde nieder.

Nun, sagte tief enttäuscht der Liebe Gott und auch ein wenig erschrocken über den Donnerklang von des Nikolaus’ Stimme, wenn nicht Deutschland, das ist ja doch so groß und so unübersichtlich, dann vielleicht ein Ort. Eine Stadt. Wo die Menschen sich kennen, wo sie den Nutzen ihres eigenen Tuns für alle besser überschauen können als in etwas so Großem und Unübersichtlichen wie der Welt oder einem Staat.

Der Nikolaus beobachtete den Lieben Gott sehr genau. Nun, dann nenne mir den Namen der Stadt, sagte er. Du weißt, ich war auf meinen Reisen an jedem Ort auf der Erde und habe den Worten der Menschen überall gelauscht und ihre Taten gesehen.

Schau, Nikolaus, da ist doch diese Stadt am Rhein, wo es die erste Demokratie auf deutschem Boden gab, wo ein Erzbischof lebt und gewaltiger Dom steht, den ich in dem Großen Krieg vor dem Feuer bewahrt habe. Die Stadt, in der im Mittelalter die bedeutendsten jüdischen Gelehrten lebten und lehrten, wo der große Strom die Menschen vieler Nationen zusammenführte, an der großen Völkermühle, der Kelter Europas.

Oh, oh, stöhnte der Nikolaus, und dem Lieben Gott schwante nichts Gutes, als er diese Laute hörte und in das zerknirschte Gesicht des Nikolaus blickte, der ihm so gerne beigepflichtet hätte, aber er war der Wahrheit verpflichtet und musste dem Lieben Gott seine Beobachtungen alle wahrheitsgetreu wiedergeben. Und dann begann er, nachdem er einige Minuten nachgedacht und so intensiv in seinem Bart gekrault hatte, dass der schon ganz zerrupft aussah, zu berichten, was er in Mainz gesehen hatte. Ja, das mit dem schönen Dom konnte er bestätigen und dass die Menschen, die dort leben, ihn lieben, auch, dass sie Feste zu feiern wissen und einem guten Tropfen nicht abgeneigt sind, auch. Das Gesicht des Lieben Gottes klarte ein wenig auf, die Anzahl seiner Sorgenfalten wurde geringer, und dennoch ahnte er, dass es der Nikolaus nicht dabei belassen würde. Und tatsächlich, nach einer kurzen Pause, in der er seinen zerrupften Bart wieder ein wenig hergerichtet hatte, und einem tiefen Aufstöhnen, teilte er dem Lieben Gott mit, wo es in dieser schönen Stadt am Rhein nicht zum Besten stand. Dass es dort tatsächlich einen Priester gebe, der gegen andere Menschen, die anders denken wie er, hetze, auf einer Plattform im Internet. Und dass die Kirche sehr, sehr lange, viele zu lange, betonte er, diesem Treiben zugeschaut habe und ihn gewähren ließ. Dass die Mainzer ein einzigartiges Rathaus am Rhein besitzen, dessen Wert sie nicht zu schätzen wüssten und in ihre schöne Innenstadt einen Konsumtempel stellen wollen und dabei auch nicht vor den Gebäuden der heiligen Kirche zurückschreckten. Dass es arme Menschen gäbe, die unter der Kälte zu leiden hätten, weil sie sich den teuren Strom und das Gas zum Heizen nicht mehr leisten konnten.

Der Liebe Gott sah den Nikolaus sehr betrübt an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in dieser Stadt keinen Ort, keine Straße geben soll, in denen Menschen leben, die dieses Namens würdig sind. Sie sollen ja keine Engel sein, aber Mitgefühl haben, einander helfen. Während der Liebe Gott dies sprach, war ihm ein Gedanke gekommen. Das Wort ‚Engel’ hatte ihn in seinem Inneren aufhorchen lassen. Engel, Engel, flüsterte er mehrmals so leise vor sich hin, dass der Nikolaus ihn kaum verstehen konnte.

Dann brach es aus dem Lieben Gott heraus, laut und ungestüm, wie es sonst nie seine Art war, weil da mit einem Mal ein Fünkchen Hoffnung aufkeimte. Erwartungsvoll sah ihn der Nikolaus an und endlich, endlich kam das Wort über die Lippen des Lieben Gottes: bedeutungsvoll sagte er ‚Engelstraße’. Die Engelstraße. In einem Vorort von Mainz, der da Gonsenheim heißt. Menschen, die in einer Straße leben, die einen solchen Ehrennamen trägt, fuhr der Liebe Gott mit einem leichten Beben in der Stimme fort, können doch nicht anders als aufrecht und hilfsbereit sein, da sind doch ....

In dem Moment tat der Nikolaus etwas, was er bis dahin noch nie getan hatte: er unterbrach den Lieben Gott mitten in seinen Worten.

Die Straße, begann er seinen Einspruch, heißt nicht so, weil die Menschen dort Engel sind, vielmehr war der Name des ersten Bewohners dieser Straße Franz ‚Engel’.

Und der Liebe Gott reagierte, wie er sonst nie reagierte: er wurde ungehalten und sagte strenger, als der Nikolaus es von ihm gewohnt war, dass alles auf der Erde und in der Welt einem göttlichen Wille folge, auch wenn er ihn nicht in jeder Sekunde und in jedem Augenblick steuere. Und dass der erste Bewohner dieser Straße Engel gerufen wurde, das sei Teil des göttlichen Willens.

Gegen dieses Argument war der Nikolaus machtlos. Also schloss er seine Augen, ging er noch einmal in sich, dachte nach, konnte auch gar nicht anders als so in seinem Bart zu kraulen, dass der schon wieder ganz zerrupft aussah, und er versuchte sich zu erinnern, was ihm in der Engelstraße so aufgefallen war und warum er den Worten des Lieben Gottes nicht vorbehaltlos folgen wollte. Denn natürlich war er auf seinen Reisen auf der Erde und zu den Menschen auch in der Engelstraße gewesen und hatte sich sein Bild von den Bewohnern dort gemacht.

Nun, begann er langsam, denn er fühlte sich gar nicht wohl dabei, den Lieben Gott wieder enttäuschen zu müssen, nun ja, die Kinder, die ich in der Engelstraße getroffen habe …ja fragte der Liebe Gott aufgeregt nach, was auch nicht seine Art war, ... ja, die Kinder, setzte der Nikolaus seine Ausführungen fort, die sind … er suchte nach den richtigen Worten … die sind, er machte eine kurze Pause, während der ihn die Augen des Lieben Gottes nicht loslassen wollten, ... die sind wie die Kinder meist und überall. Die einen brav, die anderen frech, die einen mehr mutig, die anderen eher ängstlich, die einen lernen fleißig für die Schule, die anderen nur ein wenig weniger, die einen räumen ihre Zimmer immer auf, die anderen etwas weniger, die einen sind gut erzogen, die anderen ein wenig weniger gut.

Du weichst mir aus, tadelte der Liebe Gott den Nikolaus, mir scheint, dass du mir nicht sagen willst, was für Menschen in der Engelstraße leben. Muss ich denn meine Hoffnung ganz fahren lassen, dass es irgendwo auf dieser Welt Menschen gibt, die es wert sind, das Weihnachtsfest zu feiern.

Mit ernstem Gesicht und wiegendem Kopf ließ sich der Nikolaus Zeit mit der Antwort. Nun ja, entschloss er sich endlich zu sprechen, als er den unruhigen Blick des Lieben Gottes bemerkte, sie sind schon seltsam da, die Menschen in der Engelstraße. Ich spreche nicht von denen, die manchmal so laut lachen, dass man sie von einem Ende der Straße bis zum anderen hören kann, und ich kann dir sagen, lieber Gott, die Engelstraße ist zwar schmal, misst aber in der Länge sehr, sehr viele Meter.

Aber das ist doch nichts Schlimmes, ergriff der Liebe Gott das Wort, im Gegenteil, ich mag fröhliche Menschen, solche, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Das ist wohl richtig, pflichtete ihm der Nikolaus bei, und schränkte dann doch ein, richtig in diesem einen Fall.

Warum betonst Du das so?, fragte der Liebe Gott, und der Nikolaus erzählte ihm von anderen Menschen in der Engelstraße, die auch ihre Worte so laut von sich geben, dass alle sie hören können, aber diese Worte sind keine netten. Sie beschimpfen sich auf die unflätigste Weise, so sehr, dass die Kinder ihre Eltern fragen, was den diese Worte bedeuten, die ich hier an solch einem heiligen Ort nicht auszusprechen wage.

Aber sie helfen doch einander, feiern miteinander, helfen dem, der in Not ist, gab der Liebe Gott nicht auf.

Nun, sicher, erwiderte der Nikolaus langsam und bedächtig, aber nicht immer so, wie du dir das vielleicht vorstellst. Nicht wenige der Menschen in der Engelstraße sind nämlich Fuß leidend. Sie laufen nicht gerne. Und so wollen sie ihr Auto stets vor ihrer Haustüre parken, auf das sie von dem Autositz gleich auf ihr Sofa fallen können. Und dafür sind ihnen viele Mittel recht. Sie malen Markierungen auf die Straße oder hängen Schilder an ihr Hoftor, die das Parken dort verbieten, obwohl nie jemand in den Hof fährt oder fahren kann. Und wehe, jemand hält sich nicht an das Verbot – dann werden aus diesen friedliebenden Menschen, von denen manche Sonntags sogar in die Heilige Messe gehen, denn die große Kirche ist nur wenige Meter von der Engelstraße entfernt, wildeste Bestien. Und dann gibt es die, die mit ihrem Auto gleich mehrere Plätze blockieren, um sie nur nach Absprache freizugeben. Ist das die gegenseitige Hilfe, fragte der Nikolaus sehr streng, die du so gerne sehen würdest, und blickte in ein nachdenkliches Gesicht. Auch, setzte der Nikolaus weiter fort, denn er hatte sich jetzt in eine Wut geredet, sind da die, die vor dem eigenen Haus die Geschwindigkeit ihres Fahrzeugs drosseln, aber wehe, sie sind nur wenige Meter entfernt, da, wo nicht die eigenen Kinder spielen, da, wo andere vielleicht an der Straße stehen oder sitzen, da wird dann munter Gas gegeben.

Nun, das sind doch lässliche Sünden, wandte der Liebe Gott ein, wie sie überall geschehen, es sind das alle schließlich nur Menschen, auch in der Engelstraße, doch der Nikolaus wollte das so nicht stehen lassen. Du selbst hast doch gesagt, führte er weiter aus, dass im kleinen Übel der Keim für das jeweils größere liegt. Der Liebe Gott wollte ihn stoppen, aber der Nikolaus sprach weiter von denen, die ihre Essensreste in den Abfluss an der Straße werfen und die im Winter nicht davor zurückschrecken, Salz auf die Gehwege zu streuen.

Übertreibst Du jetzt nicht ein wenig, lieber Nikolaus, und legst ein zu strenges Maß an, fragte der Liebe Gott, und es folgte ein sekundenlanges Schweigen, bis der Nikolaus nickte, erst ganz verhalten, dann offensichtlicher: Ich weiß, sagte er, aber was mich so maßlos ärgert, ist die Selbstgerechtigkeit der Menschen, die ich leider auch manches Mal an mir selbst erkenne. Und tatsächlich sind es ja nur einige der Menschen dort, die so sind, es gibt ja auch die anderen, viele andere, die Jungen und Alten, die miteinander auskommen und die freundliche Worte füreinander haben und einander helfen und auch gemeinsam die Adventszeit feiern. Deshalb, sagte der Liebe Gott milde und lächelte, sollten wir zum Weihnachtsfest Nachsicht walten lassen und die Menschen in der Engelstraße beschenken.

Und da schlich sich auch der Anflug eines Lächelns auf das Gesicht des Nikolauses.